1754 - Schach in Fürstenwalde

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1754

Lessings Leidenschaft

Lessing kiebitzt bei Moses Mendelssohn und Johann Caspar Lavater [27]

Abb.: Lessing kiebitzt bei Moses Mendelssohn und Johann Caspar Lavater [27]

Es war ein sehr wichtiger Augenblick für die Geschichte der Juden, in dem die beiden jungen Männer, Mendelssohn und Lessing, Bekanntschaft miteinander machten. Man sagt, daß ein leidenschaftlicher Schachspieler (Isaak Heß) sie beim Schachbrett zusammengeführt habe (1754). Das Königsspiel hat gewissermaßen zwei Könige im Reiche der Gedanken zu einem Bündnis vereinigt.

(Volkstümliche Geschichte der Juden von Heinrich Graetz, dtv reprint, Bd. 6, S. 144 f., zuerst erschienen 1888)
Friedrich Nicolai schreibt dagegen in seinem Nachruf auf Moses Mendessohn in der Allgemeinen deutschen Bibliothek (65. Bd., 2. Stück, Berlin und Stettin 1786):
Im Jahre 1754 ward Moses Mendelssohn [durch Dr. Gumperz als Schachspieler empfohlen] mit Lessingen bekannt, welches der größte Schritt zur Ausbildung seines philosophischen Geistes und zur zweckmäßigen Anwendung seiner so seltenen Geistesgaben ward.
(Lessings Gespräche, hg. v. Flodoard Fhr. v. Biedermann, Berlin 1924, S. 40)

Nicolai bestätigt seine Version der Begegnung in einer Anmerkung zu Lessings Briefwechsel mit Moses Mendelssohn:

Dr. [Aaron Salomon] Gumperz hatte schon früh Umgang mit Lessing; und ich weiß es nicht anders, als daß Moses durch seinen Freund Gumperz zu Anfange des Jahres 1754 mit Lessing bekannt ward. Der jüngere Lessing sagt im Leben seines Bruders, die Bekanntschaft desselben mit Moses wäre durch das Schachspiel entstanden, vermittels eines gewissen Isaac. Dies habe ich nur gehört. Ich zweifle auch, dass der große Schachspieler Isaac Hess (denn der ist wohl unfehlbar gemeint) im Jahre 1754 schon in Berlin und mit Lessing bekannt gewesen ist. So viel ich mich erinnere, kam er später, erst im siebenjährigen Kriege, nach Berlin.
(Lessings Gespräche, hg. v. Flodoard Fhr. v. Biedermann, Berlin 1924, S. 359)

In Ludwig Geigers "Geschichte der Juden in Berlin" konnte ich keinen Isaac Hess finden, ebenso wenig im "Philo-Lexikon". Endlich wurde ich in der "Volkstümlichen Geschichte der Juden" von Heinrich Graetz fündig.

Gotthold Ephraim Lessing soll ein begeisterter Schachspieler gewesen sein. Johann Anton Leisewitz, der Verfasser des Sturm-und-Drang-Dramas "Julius von Tarent", notiert in seinem Tagebuch aus Braunschweig:
Donnerstags den 14. [Januar 1779]
Mittags mit Leßing und Forster bei Eschenburg gegeßen. Nach Tische mit Leßing Schach gespielet.
(Johann Anton Leisewitzens Tagebücher, Weimar 1916, Bd. 1, S. 5)
Auch Leisewitz nimmt das Spiel sehr ernst.
Sonnabends den 4. [November 1780]
In dem Clubb. Hier spielte  ich mit dem Land Drost Grote Schach und verlohr, das setzte mich in üble Laune.
(ebenda, 1920, Bd. 2, S. 99)

Als Erster mag Lessing eine Schachfabel gedichtet haben.
Der Springer im Schache
Zwei Knaben wollten Schach ziehen. Weil ihnen ein Springer fehlte, so machten sie einen überflüssigen Bauer, durch ein Merkzeichen, dazu.
Ei, riefen die andern Springer, woher, Herr Schritt vor Schritt?
Die Knaben hörten die Spöttelei und sprachen: Schweigt! Tut er uns nicht eben die Dienste, die ihr tut?

(Lessings Werke, Vollständige Ausgabe in fünfundzwanzig Teilen, Berlin o. J., Bd. 1, S. 148)
Ja, wenn die Springer reden können, hätten sie uns wohl so manches zu erzählen…

Allgemeine Äußerungen über Lessings Schachleidenschaft begegnen öfters. Franz Horn berichtet in seiner "Erinnerung an Lessing und ihn betreffende Sagen":
Da bei einem solchen Mann auch Kleinigkeiten nicht ohne Interesse sind, so möge nicht unberührt bleiben, daß er – nicht unähnlich seinem Al Hafi – unter allen Spielen das Schachspiel am meisten liebte, weshalb auch einige Wolfenbüttelsche Bürger, die sich hierin besonders auszeichneten, in seiner großen Gunst standen. Gewann er, so war es ihm recht, verlor er, so freute er sich noch mehr; weil er dann, nach seiner eigenen Behauptung, viel dabei gelernt habe. Daß er übrigens auch diese seine Liebhaberei nicht selten bewitzelte, versteht sich bei seinem liebenswürdig ironischen Charakter, dem nichts mehr zuwider war, als trockener einseitiger Ernst, ganz von selbst.
(Lessings Gespräche, hg. v. Flodoard Fhr. v. Biedermann, Berlin 1924, S. 273)
Der Derwisch Al-Hafi ist Schatzmeister des Sultans Saladin in Lessings Drama "Nathan der Weise". Er hat dessen Schwester Sittah 1000 Dinare auszuzahlen, nachdem der Bruder eine Schachpartie gegen sie aufgab. (Vgl. Nathan der Weise, Zweiter Aufzug, Erster Auftritt, Saladin und Sittah spielen Schach) Später analysieren übrigens Nathan und Al-Hafi die Stellung (Zweiter Aufzug, Neunter Auftritt). Die Position war durchaus noch spielbar. Aber Saladin hörte nicht auf Al-Hafi und warf das Brett um.

Karl G. W. Schiller schreibt "Über Gotth. Ephr. Lessings Persönlichkeit":
Eine Partie Schach gehörte zu seinen Lieblingszerstreuungen, und wie er sich in Wolfenbüttel mit seinem kleinen, buckligen und witzigen Hausarzte Topp gern darin maß, so waren in Berlin Moses Mendelssohn, in Hamburg vorzüglich Büsch, mit dem er überhaupt viel verkehrte, und Klopstock seine Mitspieler. Der Letztere gewährte ihm dabei den doppelten Genuß, daß er jedes Mal, zu aller Anwesenden Erheiterung, sehr unangenehm werden konnte, wenn er eine Partie verlor.
(Lessings Gespräche, hg. v. Flodoard Fhr. v. Biedermann, Berlin 1924, S. 335)

 
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