1770-1781 - Schach in Fürstenwalde

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1770-1781

Die Schach-Kollektaneen

Lessing als frisch gebackener Bibliothekar zu Wolfenbüttel [8]

Abb.: Lessing als frisch gebackener Bibliothekar zu Wolfenbüttel [8]

Alte Fotografie des Gemäldes von Anton Graff vom Sept. 1771

    

Lessing, der seinerzeit sprachlich in höherem Maße stilbildend gewirkt haben dürfte als nach ihm Goethe, hat uns auch Schach-Kollektaneen hinterlassen. Als Bibliothekar der Herzog-August-Bibliothek von Wolfenbüttel standen dem neugierigen Schachspieler bestimmt fleißige Helfer zur Seite, die für ihn den Katalog nach Schachbüchern durchforsteten. Die erste Ausgabe der "Kollektaneen zur Literatur" aus Lessings Nachlass unternahm Johann Joachim Eschenburg, sein Freund und Studiengenosse. Wir folgen dem Text der bei Cotta erschienenen sämtlichen Werke, der auf Karl Christian Redlichs zuverlässiger Ausgabe des Lessingschen Kollektaneen-Manuskripts fußt, das sein Bruder Karl Lessing der Kirchenbibliothek zu St. Bernhardin zu Breslau geschenkt hatte, von wo es in die Stadtbibliothek von Breslau gelangte.


Schach.

Ein Verzeichnis der Schriftsteller vom Schachspiele siehe beim Th. Hyde, De Ludis Orientalium, Lib. I. Part. I. p. 152, auf welches sich die Nummern, die ich hier anführe, beziehen.

27.
Dieser Jac. de Cassalis oder Casallis oder Casolis, der vor 1200 lebte und eine Moralisation des Schachspiels schrieb, ist wohl der älteste Schriftsteller von dieser Materie in Europa. – Hyde merkt dabei an: Hunc librum Conradus de Ammenhusen, Monachus et Sacerdos Stettinensis, circa annum 1337 in rhythmum Germanicum vertit, auxitque adeo, ut novus liber videretur. [Dieses Buch übersetzte Konrad von Ammenhausen, Mönch und Priester in Stein am Rhein, um das Jahr 1337 in eine deutsche Reimfassung und vermehrte es derart, dass es als ein neues Buch erschien.] Wir haben eine dergleichen Uebersetzung unter den Ms. unserer Bibliothek. Ohne Zweifel wird es die nämliche sein.
Eine eigentliche deutsche Uebersetzung des Traktats von Cassalis von einem Stephan Flacher von Dünkelspiel von 1413 siehe unter den Mskpten, Nr. 25. 4to. Eine gedruckte italienische von 1534 s. 154. 1. Quodl.
11.
Wielius, welcher das Gedicht des Vida kommentiert hat, heißt nicht Hier. sondern Lukas und war aus Liegnitz in Schlesien. Sein Kommentar mit dem Gedichte selbst ist gedruckt Argentinae, [zu Straßburg] 1504. 8vo. (S. 104. Eth. 8.)
22.
Cos. Grazino hat eigentlich nichts vom Schachspiel selbst geschrieben, sondern nur eine verbesserte Ausgabe von dem Gedichte des Vida nebst einer italienischen Uebersetzung in ottave rime [in Stanzen] geliefert, die 1604 zu Florenz in 4to gedruckt ist. (S. 86. Quodl. 4.)
20.
Girolamo Zanucchi ist gleichfalls nur ein Uebersetzer des Vida in ottave rime. Seine Uebersetzung ist gedruckt in Trevigi, 1589 in 4to. (180. Quodl. 4.)
Unter die Uebersetzer des Vida gehört auch noch Nicolo Mutoni, den Hyde nicht hat, und dessen Uebersetzung in versi sciolti [in ungebundenen Versen] zu Rom 1544 in 8vo gedruckt worden. (154. 1. Quodl. 8.)
21.
Greg. Ducchi aber, Gentiluomo Bresciano, hat ein eigenes Heldengedicht vom Schachspiel 1607 zu Venedig in 4to drucken lassen. Der Titel heißt: Il Giuoco degli Scacchi, ridotto in Poema Eroico, sotto Prosopopea di due potenti Rè, e degli Eserciti loro. [Das Schachspiel, verfasst als Heldengedicht, in der Personifikation zweier mächtiger Könige und ihrer Heere.] Es besteht aus sechs Gesängen in ottave rime. (S. 180. Quodl. 4.)
18.
Damiano Portughese hat ein Libro da imparare giocare à Scacchi e de’ bellissimi partiti etc. [Buch um das Schachspielen zu lernen und (Buch) der schönsten Partien usw.] italienisch und spanisch geschrieben, wovon zwei alte Ausgaben ohne Jahrzahl in der Bibliothek sind, Nr.562. Quodl. 8; die ältere Nr. 554. 1. Quodl. Es hat zehn Kapitel, wovon das 8te delli tratti sottili che si dicono in volgare Spagnuolo primores, [von den scharfsinnigen Zügen, die man in spanischer Volkssprache primores (Geschicklichkeiten, Meisterwerke) nennt] und das 9te delli giochi delli partiti [von den Spielen der Partien] (d. i. von solchen Spielen, wo man wettet, daß in drei, vier, fünf, sechs Zügen der Gegner matt sein soll) und das 10te dell' arte del giocare alla mente [von der Kunst, aus dem Gedächtnis (d.h. blind) zu spielen] handeln. Es ist aber zu bedauern, daß die Exempel im 8ten und 9ten Kapitel, welche nach Art des Stamma, und vielleicht die nämlichen sind, wegen der fehlerhaften Holzschnitte, welche dabei gedruckt, kaum zu verstehen sind.
19.
Rui Lopez; von dieses Spaniers Traktat sind in der Bibliothek nur zwei Uebersetzungen:
1. Eine italienische von
Gio. Domenico Torsia mit dem Namen des Lopez in Venetia 1584. 4to. 180. Quodl.
2. Eine französische, ohne Namen des Verfassers und Uebersetzers, à Paris, 1609. 4to. 86. Quodl.
Rui Lopez ist der, der mir unter allen Anweisungen am besten gefallen hat.
17.
D. Jakob Mennel hat ein deutsches Gedicht vom Schach 1507 drucken lassen, welches sich meistenteils bei den Anweisungen zum Schachspiele findet, die Christian Egenolff zu Frankfurt in der ersten Hälfte des 18ten Jahrhunderts öfters drucken lassen. Ich habe anderswo mehr davon. S. 263 Quodl. 4to.
Ich habe aus der Egenoffschen Anweisung gesehen, daß unsere itzige Art, Schach zu spielen, gar nicht die alte, sondern eine neuere ist, die damals Kurrent, oder das welsche Schachspiel genannt wird.
Aus den gemeinen Regeln merke ich mir daraus folgende:
    "Willt du das Spiel behalten,
    So zieh den ersten von dem Alten" (d. i. Läufer).
Und:
    "Ante Reginam
    Debes producere primam",
[Vor der Königin musst du die erste ziehen.]
welches aber jenem widerspricht. Indes sind beide Auszüge gut.
Und:
    "Hut gegen Hut
    Thut selten gut."


Lucanus in Paneg. ad Pisonem a décrit élégamment le jeu des échecs, [Lucanus hat in seiner Lobrede auf Piso elegant das Schachspiel beschrieben], sagt du Fresne in seinen Anmerkungen über den Joinville, S. 59.

NB. Von den neuern Schriftstellern, die Hyde nicht haben kann, s. p. 537.

Schach.
Von neueren Schriftstellern.

Aus der Vorrede der Analyse des Echecs, par Philidor, Leipsic 1754.
Don Pietro Carrera, qui nous a donné l’an 1617 un gros volume sur ce jeu. [Don Pietro Carrera, der für uns im Jahre 1617 einen dicken Band über dieses Spiel herausgegeben hat.]

1.
Aus ihm scheint Philidor alles Historische zu haben, welches sehr seicht und unrichtig ist; z. E. wenn er von den Regeln des Palamedes spricht, welcher das Spiel, nach dem Carrera soll erfunden haben, als ob wirklich noch ein Buch von ihm vorhanden wäre.
2.
Le Calabrois, der dem Carrera mit andern in ihren sehr unzulänglichen Anweisungen gefolgt. Ils se sont uniquement appliqués à ne nous donner que des ouvertures de jeux, et ensuite ils nous abandonnent au soin d’en étudier la fin. [Sie haben sich einzig darum bemüht, uns nur Spieleröffnungen zu zeigen, und dann überlassen sie uns der Sorge, uns dazu das Ende auszudenken.]
3.
Cunningham et Bertin, die ich beide nicht kenne. Ils nous donnent des Gambits, qu’ils font perdre ou gagner, en faisant mal jouer l’adversaire. [Sie zeigen uns Gambits, die sie uns verlieren oder gewinnen lassen, indem sie den Gegner schlecht spielen lassen.]
4.
Philidor selbst sagt von sich und seinem Buche: „Mon but principal est de me rendre recommandable par une nouveauté, dont personne ne s’est avisé, ou peut-être n’en a été capable; c’est celle de bien jouer les Pions; ils sont l’âme des Echecs etc. [Meine Hauptabsicht ist es, mich als empfehlenswert zu zeigen durch eine Neuheit, auf die niemand gekommen ist oder zu der man vielleicht nicht imstande gewesen ist; das ist die, gut die Bauern zu setzen; sie sind die Seele des Schachs etc.]

(Lessings sämtliche Werke in zwanzig Bänden, hg. v. Hugo Göring, 20. Band, Kollektaneen zur Litteratur, Stuttgart o. J., S. 198 – 200)

Eschenburg fügt Lessings Kollektaneen folgenden interessanten Hinweis an:
Ob ich gleich die meisten hier angeführten Bücher aus der Fürstl. Wolfenbüttelischen Bibliothek zu Rathe ziehen, und darüber weitere Nachrichten erteilen könnte, so würde mich dieß doch hier zu weit führen, und doch am Ende nur Stückwerk bleiben. Wer eine vollständige Litteratur des Schachspiels sammeln wollte, welches sich der Mühe wohl verlohnen möchte, der müßte dabei das von dem Engländer ">Twiß zu London 1787 und 89, in zwei Oktavbänden herausgegebene Buch: Chess, zu Rathe ziehen, worin nicht nur eine Menge unterhaltender Anekdoten, das Schachspiel betreffend, sondern auch ein zahlreiches und ziemlich vollständiges Verzeichniß der ältern und neuern Schriften über dieß Spiel enthalten ist.
(Gotthold Ephraim Lessings Kollektaneen zur Literatur. Herausgegeben und weiter geführt von Johann Joachim  Eschenburg. Zweyter Band. K. – Z. Berlin, 1790, S. 339)

 
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