1777 - Schach in Fürstenwalde

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1777

Der Schachtürke schlägt zu

Schachautomat mit Migrationshintergrund [14]

Abb.: Schachautomat mit Migrationshintergrund [14]

Zu Wien erregt die Maschine oder der Schachspieler des Herrn von Kempele, Königl. Raths bey der Cammer zu Pressburg, Jedermanns Bewunderung, sie erreicht alles wozu der menschliche Geist gelangen konnte. Sein Schachspieler, die größte Erfindung unsers Jahrhunderts in der Meßkunst, ist bekannt. Er erschien damit im Jahr 1768. Sie besteht aus einem Tische, woran eine menschliche Figur sitzt, welche mit jedem, der Lust hat, im Schachbrette spielt, das auf dem Tische steht. Man hat noch kein Beyspiel, daß die Figur eine Parthie verloren hätte. Sie hat auch die berühmtesten Schachspieler zur Verzweiflung gebracht. Die Figur, welche von Menschenhöhe ist, scheinet nachdenkend, mit den rechten Arm auf den Tisch gelehnt, zu sitzen. Sie läßt den Spieler so lang nachsinnen, als er will. Sobald er gezogen hat, erhebt sie ihren linken Arm und ergreift einen ihrer Steine: ist sie im Fall zu schlagen, so berührt sie den Stein des Gegners, welchen es trift, zum Zeichen, daß man ihn wegthun solle. Thut der Mitspieler einen Zug, der wider die Regel des Schachspiels ist, so nickt sie mit dem Kopfe, und ruht nicht, bis der Fehler verbessert, und die Ordnung des Spiels hergestellt ist. Diese Maschine wirkt gänzlich durch sich selbst. Sie erhält nicht den mindesten äussern Einfluß. Niemand steckt darinn verborgen.
Vossische Zeitung. Berlin 1777. Nr. 124
(Buchner, Das Neueste von gestern, München 1912, Bd. 3, S. 281 f.)

Der Romantiker E.T.A. Hoffmann schreibt um 1820 in seinen "Lebensansichten des Katers Murr" von dem Zigeunermädchen Chiara, das tagelang zusammengekrümmt in einen Verschlag gesperrt war:

Unglücklicher, fürchterlicher war Chiaras Schicksal als das jenes Zwerges, den der bekannte Kempelen mit sich führte und der, in dem Türken versteckt, Schach spielen mußte.
(E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr, Berlin und Weimar 1981, S. 189)


Der Schachtürke und die Potentaten

Wie zu erwarten, erregte die Maschine das größte Aufsehen, und K.[empelen] konnte sich der vielen Besucher nur dadurch erwehren, daß er bekannt machte, er habe dieselbe zerstört. Nach einigen Jahren führte er sie jedoch in Wien Kaiser Joseph und dem Großfürsten Paul von Rußland vor und unternahm, überall Sensation erregend, Reisen nach Paris und London. In Berlin spielte der Türke auch mit Friedrich dem Großen und besiegte den König. Friedrich bot K.[empelen] eine große Geldsumme für die Offenbarung des Geheimnisses an und war, nachdem dies geschehen, außerordentlich enttäuscht. Seitdem stand der Türke unbeachtet im stillen Winkel eines Potsdamer Schlosses, bis sich Napoleon I. bei seiner dortigen Anwesenheit desselben erinnerte und eine Partie mit ihm spielte, die mit einer Niederlage des bisher unbesiegten Imperators endete.

(Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 53, S. 766, Artikel Kempelen, Verf. W. Paul Aurich)

Der Ankauf des Schachtürken in Potsdam ist nur eine Legende, die aber einigen Bestand hatte. Die Partie Napoleons findet sich in den Datenbanken, doch sie wurde in Schloss Schönbrunn zu Wien gespielt. Napoleons Gegner im Automaten war Johann Allgaier (1763 – 1823), Erfinder des nach ihm benannten Gambits (1.e4 e5 2.f4 e:f4 3. Sf3 g5 4.h4 g4 5.Sg5 h6 6.S:f7), das im Zeitalter des Maschinenschachs in der Versenkung verschwunden ist.


Der Schachtürke in der Neuen Welt

So gelangte der Schachautomat der Legende nach auch zu Kaiser [sic!] Friedrich nach Preußen und zu Zarin Katharina nach Russland.

(Wolfgang von Kempelen. Mensch in der Maschine, Berlin 2007, Anmerkung auf S. 27)
Tatsächlich war das Schicksal des Schachtürken betrüblicher. Ein Schausteller namens Johann Nepomuk Maelzel erwarb die Maschine nach Kempelens Tod und tourte mit ihr durch Europa. 1826 reiste Maelzel mit dem Schachtürken in die USA und führte ihn dort vor. Edgar Allan Poe erlebte 1835 in Richmond eine Demonstration seines Könnens und schrieb danach den Essay "Maelzel's Chess Player", in dem er die Funktionsweise des Automaten analytisch aufklärte.
... Nachforschungen überzeugten uns, daß diese ungehörigen Veränderungen [des Mechanismus] auf Spiegel im Innern des Rumpfes [des Automaten] zurückzuführen seien. ... Wir schlossen, daß die Spiegel so angebracht waren, daß sie das Bild von ein paar Maschinenteilen so oft wiederholten, bis es aussah, als sei der ganze Raum von ihnen angefüllt. Die direkte Folgerung aus dieser Tatsache ist nun, daß der Apparat keine bloße Maschine ist.
(Edgar Allan Poe, Gesammelte Schriften, Augsburg 1990, Bd. 1, S. 305 f.)
Nach Maelzels Tod im Jahr 1838 gelangte der Schachtürke ins Peale Museum in Philadelphia und wurde dort am 25. Juli 1854 durch ein Feuer zerstört.

 
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