1796 - Schach in Fürstenwalde

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1796

Der ausgestopfte Schachspieler

Angelo Soliman (1721–1796), Stich von J. G. Haid [37]
Abb.: Angelo Soliman (1721–1796)
Stich von J. G. Haid [37]

Die lateinische Unterschrift bedeutet: Angelo Soliman aus dem königlichen Geschlechte der Numider, ein Mann von schöner Gesichtsbildung, grossem Verstand, an Gestalt und Gesicht dem Jugurtha ähnlich, in Afrika, Sizilien, Frankreich, England, Franken, Österreich allen teuer, ein treuer Hausgenosse von Fürsten.

(Dr. Wilhelm A. Bauer, Angelo Soliman der hochfürstliche Mohr, Wien 1922, S. 54)

Angelo Soliman wurde vermutlich 1721 als Sohn eines Mohrenfürsten in Somalia geboren und erhielt den Namen Mmadi-Make. Sein Stamm wurde von Feinden aufgerieben und das Kind als Sklave verkauft. Er kam schließlich nach Messina in den Haushalt einer Marquise als Negerpage. Hier entdeckte ihn der k.u.k. General Fürst Lobkowitz und nahm ihn zu sich. Der Knabe wurde auf den Namen Angelo Soliman getauft und fungierte später als gehobener Kammerdiener.

Karoline Pichler, die noch viele Zeitgenossen Solimans kannte, verfasste um 1808 die Lebensbeschreibung des hochfürstlichen Mohren. Eine Anekdote, in der sie vom noblen Verhalten ihres Helden beim Glücksspiel berichtet, schließt mit den Worten: Er spielte nur Schach gerne und genoss den Ruf, einer der stärksten Spieler zu sein. (ebenda, S. 31)

Peter Bohr schreibt in den Anmerkungen zur Biografie seines Vorfahren Peter von Bohr: Angelo Soliman kam aus dem Besitz des Fürsten Georg Christian Lobkowitz, nach dessen Tod testamentarisch an den Fürsten Joseph Wenzel von Liechtenstein. Er wurde Reisebegleiter des Fürsten und sein außerordentlich geschätzter Schachpartner. Als sich Soliman aber mit einer Wienerin verheiratete, wurde er vom Fürsten Liechtenstein verstoßen.

(Peter Bohr, Österreichs genialster Geldfälscher und seine Zeit, Regensburg 2005, S. 420)
Bemerkenswert ist, dass Solimans Gattin Magdalena eine Schwester des nachmaligen Generals der französischen Republik Kellermann war, der am 20. September 1792 den preußischen Vormarsch durch die Kanonade von Valmy stoppte.

Angelo Soliman gehörte im Wien seiner Zeit zur städtischen Prominenz. Wie Karoline Pichler berichtet, war da sogar Kaiser Joseph der Zweyte, der sehr vielen Antheil an Angelos Schicksalen nahm und ihn öffentlich auszeichnete, indem er mehr als Ein Mahl auf Spaziergängen sich in seinen Arm hing...

(Dr. Wilhelm A. Bauer, Angelo Soliman der hochfürstliche Mohr, Wien 1922, S. 32)

Um 1790 soll Soliman eine öffentliche Partie mit dem berühmten Schachautomaten des Baron Wolfgang von Kempelen (1734 – 1804), dem Türken, gespielt haben. Saß Allgaier in der Maschine?

(Zeitungsartikel "Der Mohr von Wien" von ruf&ehn in der Sonntagsausgabe des STANDARD vom 10. März 1991 unter der Rubrik Spiele, faksimiliert in: Michael Ehn, en passant, Wien New York 2010).
Der Schachtürke setzte Soliman mit Damenopfer matt. Die Partienotation findet sich in obigem Artikel.

Als Soliman 1796 mit 75 Jahren stirbt, schlägt der sammelwütige Kaiser Franz II. für sein Naturalienkabinett zu.

Im Kapitel "Ein schwarzes Mitglied der Wiener Loge zur wahren Eintracht" seines Büchleins "Sub Rosa" berichtet G. Brabbeé von Solimans Schicksalen post mortem.
"Über ihn wäre ferner noch zu vermelden:
"1. dass ihm auf Befehl Kaiser Franz II. im Jahre 1796 die Haut über die Ohren gezogen
"2. dass diese Haut auf Holz gespannt und so die plastische Gestalt Angelo Solimans täuschend ähnlich darstellend zehn Jahre lang zur öffentlichen Besichtigung ausgestellt
"3. dass diese auf Holz gespannte Haut oder die plastische Gestalt unseres Br[uder]s Angelo Soliman 52 Jahre später unter grossem Getöse durch Feuer und Flammen vertilgt … wurde.
(G. Brabbeé, Sub Rosa, Wien 1879, zit. nach Dr. Wilhelm A. Bauer, Angelo Soliman der hochfürstliche Mohr, Wien 1922, S. 61)
Bei der Beschießung der Wiener Innenstadt im Revolutionsjahr 1848 geriet das Dach der Hofbibliothek in Brand, unter dem die Präparate Solimans und dreier afrikanischer Leidensgenossen aufbewahrt wurden.

Einen Gegner "ausstopfen" bedeutet so viel wie ihn positionell überspielen.

Es kann gut sein, dass Angelos einstiger Zustand, auf den wohl das heute noch beliebte Wiener Wort zurückgeht: "Laß Di ausstopfen" (ebenda, S. 75), vom Wiener Kaffeehausschach paraphrasiert wurde und so in die deutsche Schachspielersprache kam.

 
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