1811 - Schach in Fürstenwalde

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1811

Scardanelli springt

Justinus Kerner, der Arzt, Romantiker und Spiritist, begegnete schon 1806 als Medizinstudent dem Patienten Friedrich Hölderlin. In Kerners "Reiseschatten" figuriert er als der umnachtete Dichter Holder.

Endlich zog ich ihn mit Hilfe der Studenten ins Zimmer. Zum Unglück ließen die Zwerge sich alsbald in das nämliche Zimmer transportieren, ein großes Gewühl von Bauern strömte hinterher, auch kamen zwei Laufer in Uniform, die dem König vorausgeeilt waren, herein.

Bauern, Laufer, das Gespräch von König und Königin und der mit schwarzen und weißen Platten belegte Boden des Zimmers wirkten gar seltsam auf Holders Phantasie. Er glaubte nämlich plötzlich, er und wir alle seien Figuren auf einem Schachbrette. "Schach dem König!" schrie er; "schlagt den Bauern! (die Bauern setzten sich zur Wehre) Laufer weg!" brüllte er, "ich bin der Springer!" und da sprang er mit einem Seitensprunge über die Bauern und Laufer hinweg aus dem Fenster hinaus.
Die Bauern und Laufer setzten ihm nach; es kam die Polizei, und er wurde, weil er Schach dem König rief, in den Turm gesetzt. Da wir zum voraus sahen, daß die Sache sich bald aufklären müsse, schwiegen wir lieber, als daß wir uns ohne Not vielleicht selbst in Unannehmlichkeiten versetzt hätten.
(Justinus Kerners sämtliche poetische Werke, Max Hesses Verlag, Leipzig o. J., Bd. 4, Die Reiseschatten II, 3., S. 121)

Der späte Hölderlin kommentiert den eigenen Zustand:

Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne,
Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!
(Hölderlin, Sämtliche Werke, Leipzig 1965, S. 426)
Hölderlin im 55. Lebensjahr [8]
Abb.: Hölderlin im 55. Lebensjahr [8]
Zeichnung von G. Schreiner, Tübingen 1825
 
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