1820 - Schach in Fürstenwalde

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1820

Der Ritter von Lang besucht Wien

Karl Heinrich Ritter von Lang ist einer der amüsantesten deutschen Humoristen des frühen 19. Jahrhunderts (man lese nur seine "Hammelburger Reisen") und ein herzerfrischender Memoirenschreiber. Die deftigen Nachrichten vom bajuwarischen Gewurschtel machten seine Lebensbeschreibung für staatstragende bayrische Historiker zu einer "trüben Quelle". Uns interessieren seine kostbaren Erinnerungen an das Wiener Schachleben des frühen Biedermeiers.
Fast täglich besuchte ich den Schachklub auf dem Graben, wo ich bedeutende Männer im Kampf traf, die Generale la Tour, Wimmer und als obersten Schachmeister den berühmten Allgeyer, einen  geborenen Schwäbisch-Vorderösterreicher und gewesenen Kriegsverpflegungskommissär, dem es übrigens sehr schmal zu gehen schien. Die Frucht seiner Bekanntschaft war sein Besuch am folgenden Morgen, mit vielen vergoldeten Schmeicheleien über mein Spiel und meine Fähigkeit, durch einen Lehrkursus von sechs Stunden bei ihm, für die Kleinigkeit von sechs Dukaten, am Endes des Kurses zu bezahlen, erst ein rechter Stuhlmeister zu werden. Es blieb mir nichts übrig, ich musste mich dazu verstehen. Es wurde auf der Stelle mit der ersten Stunde angefangen und mit der Bitte um zwei Dukaten Vorschuß geschlossen. Ein paar Tage darauf brachte er mir sein Schachbuch, mit sechs Gulden zu bezahlen, und verlangte dazu die letzten vier Dukaten. Da half kein Zögern. "Vier Dukaten heut sind mir so wichtig, als morgen 300 Gulden. Herr! haben Sie denn kein Christenherz?" Damit, was aber das Schlimmste war, endigten sich auch die Stunden. "Es ist ein Spaß," hieß es dann, "wozu braucht ein Spieler wie Sie noch Stunden. Spielen Sie lieber recht fleißig mit mir im Klub, das ist die beste Stärkung," versteht sich, die Partie um einen Gulden, die ich meistens verlor, denn er durfte mir noch immer einen Offizier vorgeben. Ueberhaupt, so sehr ich zu Haus und in München als der erste Spieler galt, so viele Mühe bedurfte es, mich im Wiener Schachklub nur zwischen der zweiten und dritten Klasse zu halten. Eine vierte wäre ja gar nicht zum Spiel gekommen.
(Aus der bösen alten Zeit, Lebenserinnerungen des Ritters Karl Heinrich von Lang, Stuttgart o. J., Bd. 2, S. 242 f.).

Der Ritter von Lang war nicht nur Menschenkenner, er muss sich auch mit Theorie beschäftigt zu haben.
Uebrigens hab' ich auch nicht selten die Bemerkung gemacht, daß Männer, die mir in anderen Dingen sehr beschränkt schienen, große Schachmechaniker waren. Ich war übrigens einer, der früher in der Jenaer Literaturzeitung versucht, gewissermaßen eine mathematische Theorie des Schachspiels, seiner Verhältnisse in Zahlen, des Wertes der Figuren, eine Berechnung der Tempi usw., zu geben, welche seitdem in alle Lehrbücher des Schachspiels von Koch, Mauvillon usw. übergegangen ist. Für das beste praktische Lehr- und Musterbuch halte ich aber gleichwohl Allgeyer. Was den Schachklub besonders verschönerte, war die hier herrschende außerordentliche Freiheit der Rede, auch im Politischen, und zwar am meisten von seiten der militärischen Personen.
(ebenda, S. 244)
Der Artikel in der Jenaer Literaturzeitung wäre wohl eine Analyse wert, aber er war mir bisher nicht zugänglich.

 
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