Ab 1771 - Schach in Fürstenwalde

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Ab 1771

Goethe der Schachspieler

Goethe nach der Zeichnung von G. M. Kraus 1776 [40]

Abb.: Goethe nach der Zeichnung von G. M. Kraus 1776 [40]

    

Aus Weimars Sturm- und Drangzeit erzählen die Briefe der Gräfin Caroline Görtz.

Belustigend ist die Art und Weise, wie Caroline Görtz über die Schlittschuhpartien im Maskenkostüm und die kostspieligen Feuerwerke berichtet, die der unvermeidliche Goethe dabei veranstaltete.

(Willy Andreas, Sturm und Drang im Spiegel der Weimarer Hofkreise. Aus: Goethe, Viermonatsschrift der Goethe-Gesellschaft, Achter Band, Weimar 1943, S. 244)

Einem französischsprachigen Brief der Gräfin vom 17. Februar 1778 an den Gatten Graf Eustachius von Schlitz genannt von Görtz entnimmt Willy Andreas Nachfolgendes.

Die Gräfin amüsierte sich glänzend, nur die Tabakspfeifen schokierten sie und Goethe, der gekleidet war wie der Läufer im Schachspiel und zum Schluß schwer betrunken gewesen sei.

Der Autor merkt dazu an:
Fou des échecs ist der Läufer im Schachspiel. Es steht dahin, ob die Gräfin mit diesem Vergleich darauf anspielte, daß diese Figur in großen Diagonalen kreuz und quer das Schachfeld durchziehen darf, oder ob etwa Goethe ein Kostüm trug, das zugleich an eine altertümliche Schachfigur dieser Art erinnerte.
(ebenda, S. 245)
Zu schade, dass keine Zeichnung dieses Kostüms existiert. Ob es vielleicht geschacht war? Geschacht, in der Heraldik ein Feld oder eine Figur, welche in Form eines Schachbrettes gemustert ist.
(Wilhelm Spemann, Kunstlexikon, Berlin & Stuttgart 1905, S. 340)

Anscheinend war das Schachspiel in Weimar ein gern gesehener Zeitvertreib. Nachweislich spielten Frau von Steins Eltern (Johann Wilhelm Christian und seine Frau Sophie Friederike Eleonore von Schardt, Nichte des dänischen Ministers Graf Bernstorff) wie auch ihr Bruder Ludwig Ernst Wilhelm zuhause Schach.

Hofmarschall von Schardt, seine Frau und sein Sohn Ludwig [51]

Abb.: Hofmarschall von Schardt, seine Frau und sein Sohn Ludwig [51]

    

Nach einem Schattenriß im Besitze von Felix Freiherr von Stein, Groß-Kochberg bei Rudolstadt.

(Franz Neubert, Goethe und sein Kreis, Leipzig 1922, S. 78)
Belvedere, kurz südlich von Weimar [13]

Abb.: Belvedere, kurz südlich von Weimar [13]

In der üppigen Bildbiografie "Kafkas Welt" schreibt Hartmut Binder anlässlich Kafkas Weimarbesuch im Jahr 1912 über das Schloss Belvedere:

Carl August [der junge Fürst des Ländchens Sachsen-Weimar-Eisenach] pflegte sich mit Goethe in das über eine schmale Holztreppe erreichbare Turmzimmer zurückzuziehen. Hier spielten die beiden Schach oder tafelten, wenn sie allein sein wollten. Durch einen Fingerdruck erhob sich, eine Erfindung Goethes, in der Mitte des Raumes ein mit Speisen bedeckter Tisch aus der Versenkung.
(Hartmut Binder, Kafkas Welt, Reinbek 2008, S. 345)
Als Sekundärliteratur hierzu gibt Binder an: Weimar und Umgebung, Praktischer Reiseführer, zweite, neubearbeitete Auflage, Berlin 1912, S. 47-49, mir nicht zugänglich.

Goethe und Corona Schröter als Orest und Iphigenie [24]
    
Abb.: Goethe und Corona Schröter als Orest und Iphigenie [24]
(Aufführung der Prosa-Iphigenie im Frühjahr 1779)

Goethe selbst vermeldet den 2. November 1780 an sein damaliges Bratkartoffelverhältnis:

Es macht mich nachdenken dass es Frizzen geht wie mir. Danck für die Bratens, wir wollen sie in Gesellschafft mit guten Wesens verzehren. Die kleine lehrt mich Schach u.s.w.
(Goethes Briefe an Frau von Stein, Frankfurt a. M. 1883, Bd. 1, S. 268)
"Die kleine" konnte ich leider nicht identifizieren.

Mit diesen Berichten kontrastiert sonderbar ein Gespräch Goethes mit dem Polizeirat J. S. Grüner am 21. 8. 1822 in Eger.

Während der Beschäftigung kam das Gespräch auf die richtige Benutzung der Zeit, worüber Goethe sich so ausließ: Man sagt immer, die Lebenszeit ist kurz, allein der Mensch kann viel leisten, wenn er sie recht zu benützen weiß. Ich habe keinen Tabak geraucht, nicht Schach gespielt, kurz nichts betrieben, was die Zeit rauben könnte. Ich habe immer Menschen bedauert, welche nicht wissen, wie sie die Zeit zubringen oder benützen können.
(Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1909, Bd. 2, S. 600)

Schon in seiner Jugend scheint Goethe das Schach nicht sonderlich gemocht zu haben. Vielleicht war er ja ein schwacher Spieler.

Am Beginn des zweiten Aufzugs der "Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand" (entstanden im Winter 1771/72) spielen Adelheid und der Bischof zu Bamberg Schach.

Adelheid. Ihr seyd nicht bey euerm Spiel. Schach dem König.

Bamberg. Es ist noch Auskunft.

Adelheid. Lang werdet ihr's nicht mehr treiben. Schach dem König!

Liebetraut. Das Spiel spielt ich nicht wenn ich ein groser Herr wäre, und verböt's am Hofe und im ganzen Land.

Adelheid. Es ist wahr das Spiel ist ein Probierstein des Gehirns.

Liebetraut. Es ist nicht darum. Ich wollte lieber das Geheul der Todtenglocke und ominöser Vögel, lieber das Gebell des knurrischen Hofhundes Gewissen, durch den süsesten Schlaf hören, als von Läuffern, Springern, und andern Bestien, das ewige Schach dem König.

Bamberg. Wem wird das einfallen.

Liebetraut. Einem zum Exempel der schwach wäre und ein starck Gewissen hätte, wie das denn meistens beysammen ist. Sie nennens ein königlich Spiel, und sagen es sey für einen König erfunden worden, der den Erfinder, mit einem Meer von Überfluss belohnte. Wenn's wahr ist so ist mir's als wenn ich ihn sähe. Er war minorenn, an Verstand oder an Jahren, unter der Vormundschafft seiner Mutter oder seiner Frau, hatte Milchhaare im Bart und Flachshaare um die Schläfe. Er war so gefällig wie ein Weidenschössling, und spielte gern mit den Damen und auf der Dame, nicht aus Leidenschafft behüte Gott, nur zum Zeitvertreib. Sein Hofmeister zu tähtig ein Gelehrter, zu unlencksam ein Weltmann zu seyn, erfand das Spiel in usum delphini, das so homogen mit seiner Majestät war, und so weiter.

Adelheid. Ihr solltet die Lücken unsrer Geschichtsbücher ausfüllen. Schach dem König und nun ists aus.

(Max Morris, Der junge Goethe, Leipzig 1910, Bd. 2, S. 175 f.)

Zur Schachszene zitiert Max Morris im Kommentarband aus der "Lebens-Beschreibung des Herrn Götzens von Berlichingen … zum Druck befördert von Verono Franck von Steigerwald, Nürnberg 1731." (Max Morris, Der junge Goethe, Leipzig 1910, Bd. 6, S. 194)

"danach setzt er [der Bischof von Bamberg] mir einen Tag gen Bischoffsheim, den besucht ich auch, da sassen die Maynzische Amtleuth … und spielten im Brett."

(ebenda, S. 202)

Götz guckt von seinem Grabmal [8]

Abb.: Götz guckt von seinem Grabmal [8]

In Goethes Elternhaus wurde mit Sicherheit Schach gespielt, wenn auch wohl ziemlich dilettantisch; denn seine Mutter Elisabeth, die Frau Aja, schreibt in einem Brief vom 16. April 1777 an J.B. Crespel:

Tante /: welche Euch vielmahl grüßen läßt :/ und ich haben jetzt ein groß gaudium am Schach-spiel, lachen was rechts über den Matz-Bumbes von König, den jeder laffe Schach machen kan, verstehen nun auch die Rede des Olearius [richtig: der Liebetraut] im Götzt [sic!] von Berlichingen vollkommen, wenn er sagt! das Spiel spielt ich nicht wann ich ein großer Herr wär u.s.w.
(Die Briefe der Frau Rath Goethe, hg. v. Albert Köster, Leipzig 1976, S. 51)
Die Tante ist Johanna Fahlmer, Goethes "liebes Tantchen" und nach dem Tod seiner Schwester Cornelia die zweite Frau des Schwagers Joh. Georg Schlosser. Adressat ist der Fürstlich Thurn und Taxissche Rat und Archivar Joh. Bernhard Crespel, dessen Verschrobenheit E.T.A. Hoffmann zu seiner Novelle "Rat Krespel" inspirierte.

Goethe seiner Mutter vorlesend [24]
Abb.: Goethe seiner Mutter vorlesend [24]
Ölbild von Strähling 1779

Auch Goethe benützt das Schachspiel als Metapher für das politische Gewurstel der Zeit.  So schreibt er am 28. Oktober 1784 an seinen hyperaktiven Herzog, daß es, "obgleich das Schachspiel dieser Erde nicht genau zu kalkuliren ist, und ein fehlerhaffter Zug manchmal Vortheil bringt", doch weitaus klüger sei, "Menschen und Verhältnise selbst [zu] sehn und in der Folge entweder sich zurücke [zu] ziehn, oder aus eigner Erfahrung, Trieb und Überzeugung [zu] handlen".

(Joachim Klauß, Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach Fürst und Mensch, Weimar 1991, S. 60)

Zum Jahrhundertende mehren sich Goethes Berührungspunkte mit dem Schachspiel. So überliefert Caroline Schlegel an A. W. Schlegel am 16. April 1799:

Auf die leere Seite will ich gleich noch etwas Amüsantes setzen, das uns Schelling diesen Mittag zum besten gab, wie ihm Goethe einmal beschrieben, daß er mit Jean Paul einen ganzen Abend Schach gespielt, figürlich. Der hat nämlich ein Urteil über ihn und seine Gattung herauslocken wollen und ihn nach Goethes Ausdruck auf den Sch-dr- führen, hat einen Zug um den andern getan, von Yorik, von Hippel, von dem ganzen humoristischen Affengeschlecht – Goethe immer nebenaus. Nun, Du mußt Dir das selbst mit den gehörigen Fratzen ausführen, wie Jean Paul zuletzt in die höchste Pein geraten ist und sich schachmatt hat nach Hause begeben. Einen durchtriebnern Schalk gibt es auf Erden nicht, wie den Goethe, und dabei das frömmste Herz mit seinen Freunden.
(Flodoard Frhr. von Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1909, Bd. 1, S. 275)

Am 31. Juli 1801 berichtet Goethe aus Göttingen an Christiane: Ich habe ein artig Quartier, an einer Art von Esplanade und nahe am Walle, auf dem ich alle Tage spazieren gehe. August hat seine Glückseligkeit an Versteinerungen, die er auf einem nahe gelegenen Berge aufsucht. Auch hat er angefangen Schach zu lernen und es geht schon ganz artig damit.

Sein Sohn August war damals 11 Jahre alt und wie es scheint, hat ihm der Vater Schachunterricht erteilt. Dieser Brief findet sich nicht in Hans Gerhard Gräfs Edition von "Goethes Ehe in Briefen" und ist nach der Sophien-Ausgabe von Goethes Werken (4. Abt. Briefe, Bd. 15, S. 250) zitiert.

Die Noten und Abhandlungen zum "West-östlichen Divan" (Erstdruck 1819) enthalten im Kapitel Geschichte eine verquaste Invektive wider das königliche Spiel.

Zugleich hatte man [die Perser] aus derselben Quelle [Indien] das Schachspiel erhalten, welches, in Bezug mit jener Weltklugheit, allem Dichtersinn den Garaus zu machen völlig geeignet ist.
(West-östlicher Divan, Gesamtausgabe, Leipzig 1953, S. 134)

Noch weiter in die Ferne weist ein Tagebucheintrag am 4. März 1831: Sodann besucht' ich Ottilien, welche mir aus Byrons Leben und Briefen, herausgegeben von Moore, manches erzählte, auch ein chinesisches Schachspiel vorwies.

(Sophien-Ausgabe, 3. Abt. Tagebücher, Bd. 13, S. 40)

In den "Maximen und Reflexionen", einem von Max Hecker besorgten Auszug der Aphorismen aus Goethes Werk, liest man in einer Betrachtung der naturwissenschaftlichen Methodik:

So wiederhole ich die meinige [Überzeugung]: daß man auf diesen höheren Stufen nicht wissen kann, sondern tun muß: so wie an einem Spiele wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hat uns das Schachbret [sic!] gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken können, noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu tun, von denen wir uns Gewinn versprechen; dies versucht nun ein jeder auf seine Weise und lässt sich nicht gern einreden.

(Johann Wolfgang Goethe, Sämtliche Werke, München 2006, Bd. 17, S. 794 f.)

Am 26. Februar 1832 unterredet sich Goethe abends mit dem Kanzler von Müller.

Es ist mit der Farbenlehre wie mit dem Whist oder Schachspiel. Man kann einem alle Regeln dieses Spiels mitteilen und er vermag es doch nicht zu spielen. Es kommt nicht darauf an, jene Lehren durch Überlieferung zu kennen, man muß sie selbst machen, etwas tun.
(Flodoard Frhr. von Biedermann, Goethes Gespräche, Leipzig 1910, Bd. 4, S. 432 f.)
 
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