Ende 18. Dynastie (bis 1323 v. Chr.) - Schach in Fürstenwalde

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Ende 18. Dynastie (bis 1323 v. Chr.)

Vom Spieltrieb der antiken Ägypter
          
Brettspiele sind im Alten Ägypten zu allen Zeiten belegt. Sie haben, schon in der 1. Dynastie (um 3000 v. Chr.), sogar das Vorbild für eine häufig gebrauchte Hieroglyphe, das Zeichen für "dauern, bleiben" mit dem Lautwert "mem" abgegeben. Grundformen und Regeln sind annäherungsweise zu rekonstruieren. Offensichtlich nicht das hochkomplizierte Schach mit seinen praktisch unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, sondern eher unser volkstümliches "Mensch-ärgere-Dich-nicht" oder das "Malefiz" sind zu vergleichen, also Spiele, die dem Zufall größeren Raum lassen und bei denen es um die Überwindung einer Felderstrecke mit Hindernissen bis hin zur Erreichung des Zielfeldes geht.
    
(Tutanchamun, Katalog des Kestner Museums Hannover, 1981, S. 148)
Spieltisch aus dem Grab Tutanchamuns [34]
Abb.: Spieltisch aus dem Grab Tutanchamuns [34]
Der Spielkasten kann umgedreht werden. Er hat auf Ober- und Unterseite verschiedene Spielbretter. Stäbchen und Knöchel ersetzen die Würfel.
In den frühen Hochkulturen vertrieb sich das Volk die freie Zeit gewiss mit allerlei Spielen. Vielleicht schon damals entstand im Nahen Osten das rustikale Urbild der späteren Schachkneipe, einer proletarischen Variante des elitären Schachcafés. Im "Schwarzen Walfisch" zu Askalon wurde der Gast vermutlich nicht nur mit Dattelsaft und Baktrerschnaps abgefüllt, sondern auch unterhalten. An den Marmortischen dürfte man gezockt haben und die Graffiti im Sanitärbereich kündeten von Gesang und Striptease. Den späten Zapfenstreich hat J. V. Scheffel 1854 in seinem Lied "Altassyrisch" verewigt:  
Im schwarzen Walfisch zu Askalon,
    
da sprach der Gast: O weh!
Mein bares Geld ging alles drauf
Im Lamm zu Ninive!

Im schwarzen Walfisch zu Askalon,
da schlug die Uhr halb vier,
da warf der Hausknecht aus Nubierland
den Fremden vor die Tür.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon
wird kein Prophet geehrt,
und wer vergnügt dort leben will,
zahlt bar, was er verzehrt.
(Allgemeines Deutsches Kommersbuch, Lahr in Baden 1925, S. 634)
Bei den alten Ägyptern hatten Brettspiele auch eine religiöse Komponente.
Hinweise in den Sargtexten und später im Totenbuch verlegen das Brettspiel auch in den Bereich des Jenseitsglaubens, wobei der Tote nun allein spielt und seine Gegner unsichtbar bleiben: Götter und Schicksalsmächte, deren Felder er zu erreichen sucht, um mit ihnen eins zu werden.
(Tutanchamun, Katalog des Kestner Museums Hannover, 1981, S. 148)
Im Totenbuch findet sich allerdings nur ein bescheidener Hinweis im Titel des Spruches 17, der das Ein- und Ausgehen im Totenreich behandelt.
Herauszugehen am Tage,
jegliche Gestalt anzunehmen, die er (der Tote) wünscht,
das Brettspiel spielen und in der Halle sitzen.
(Erik Hornung, Das Totenbuch der Ägypter, Goldmann 1993, S. 59)
Der Übersetzer kommentiert den Text wie folgt:
Das im Titel genannte und in der Vignette abgebildete "Brettspiel" begegnet sehr oft in der Dekoration und unter den Beigaben von Gräbern; anscheinend wurde es als Spiegelung des Jenseitsweges mit all seinen Gefahren und Möglichkeiten angesehen.
(Erik Hornung, Das Totenbuch der Ägypter, Goldmann 1993, S. 424)
Der Tote beim Brettspiel in der Halle [39]
Abb.: Der Tote beim Brettspiel in der Halle [39]
Um einen glücklichen Ausgang des Spieles sicherzustellen, gibt man dem Toten Papyri mit den nötigen Spielanweisungen mit.
Auch im Mythus spielt das B.[rettspiel] eine Rolle. So gewinnt nach der Erzählung Plutarchs de Is. 12 Thot im B.[rettspiel] der Mondgöttin die Zeitspanne ab, aus der er die fünf Schalttage gestaltet.
(Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Hamburg 2000, S. 125)
Plutarch berichtet "Über Isis und Osiris", daß Rhea [Nut, Göttin des Himmels] sich heimlich mit Kronos [Geb, Gott der Erde] vereinigte; Helios [Atum, Sonnengott] habe es bemerkt und einen Fluch über sie gesprochen, daß sie weder in einem Monat noch in einem Jahr gebären solle. Da habe Hermes [Thoth, Mondgott], der in die Göttin verliebt war, ihr beigewohnt, und dann habe er beim Brettspiel mit der Mondgöttin ihr von jedem Lichttag den siebzigsten Teil abgewonnen, aus all diesen fünf Tage zusammengesetzt und den 360 zugefügt.
(Plutarch, Religionsphilosophische Schriften, Düsseldorf/Zürich 2003, S. 155)
Im platonischen Dialog Phaidros berichtet Sokrates die folgende Sage, von der sein Gesprächspartner Phaidros allerdings behauptet, der Weise habe sie erdichtet.
Ich habe also gehört, zu Naukratis in Ägypten sei einer von den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiliget war, er selbst aber der Gott habe Theut [Thoth] geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternenkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben.
(Platon, Werke Band I,1, Berlin 1984, S. 113)
Diese sokratische Denkwürdigkeit in der klassischen Übersetzung Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers erinnert stark an die Leistungen des Palamedes, von denen im nächsten Abschnitt die Rede sein wird.
 
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