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Vor 65 n. Chr.

Der ludus latrunculorum und die Laus Pisonis

Autor: K. Kleineberg
Der ludus latrunculorum war ein strategisches Brettspiel der Römer. Die ausführlichste antike Quelle dazu ist ein 261 Hexameter umfassendes Gedicht, die sogenannte Laus/1/ Pisonis, auch als Panegyricus in Pisonem bekannt. Die Laus Pisonis ist ein Lobgedicht, dessen Adressat höchstwahrscheinlich Gaius Calpurnius Piso ist, ein Teilnehmer der nach ihm benannten Pisonischen Verschwörung gegen Kaiser Nero./2/
Piso wurde im Jahre 40 von Caligula verbannt, dann von Claudius rehabilitiert und unter diesem Konsul, wobei das Jahr seines Konsulats nicht bekannt ist. Die erwähnte Verschwörung im Jahre 65 scheiterte, Piso wurde angeklagt und zum Selbstmord gezwungen.
Die Absicht des Verfassers der Laus Pisonis war es, Piso als Patron zu gewinnen. Piso wurde für seine Großzügigkeit gegenüber Freunden und Klienten gerühmt, z. B. von Martial (IV, 40, 1; XII, 36, 8). Tacitus hingegen zeichnet ein durchaus zwiespältiges  Charakterbild vom ihm und bemerkt, er habe beim Volke in glänzendem Rufe gestanden wegen seines tugendhaften Verhaltens oder zumindest wegen des Anscheins von Tugend (Annales XV, 48: claro apud vulgum rumore erat per virtutem aut species virtutibus similes).
Piso war auch ein Meister im Spiel des ludus latrunculorum. So heißt es über ihn, er sei ein so vollendeter und gewandter Spieler gewesen, dass die Leute zusammenliefen, wenn er spielte (Scholion zu Juvenal V, 109: in latrunculorum lusu tam perfectus et callidus, ut ad eum ludentem concurreretur). Dies ist auch der Grund für die Erwähnung des ludus latrunculorum in dem Lobgedicht auf ihn.
Geschrieben wurde es wahrscheinlich nach dem Regierungsantritt des Claudius im Jahre 41 und vor Pisos Tod im Jahre 65. Strittig ist, wer das Gedicht verfasst hat. In einer heute verlorenen Handschrift aus dem Kloster Lorsch wird Vergil genannt. Dieser kommt aus zeitlichen Gründen jedoch ebenso wenig infrage wie Ovid. Einige Handschriften geben Lucan als Verfasser an, auch Calpurnius Siculus, Statius und Saleius Bassus werden dafür gehalten.
Insgesamt 19 Zeilen (Vers 190–208) in der Laus Pisonis sind dem ludus latrunculorum gewidmet. Genaue Spielregeln lassen sich aus den dichterischen Anspielungen jedoch nicht ableiten. Sie waren den Lesern der damaligen Zeit bekannt und brauchten deshalb nicht beschrieben zu werden.
Te si forte iuvat studiorum pondere fessum
non languere tamen lususque movere per artem,
callidiore modo tabula variatur aperta
calculus et vitreo peraguntur milite bella,
ut niveus nigros, nunc et niger alliget albos.
sed tibi quis non terga dedit? quis te duce cessit
calculus? aut quis non periturus perdidit hostem?
mille modis acies tua dimicat: ille petentem,
dum fugit, ipse rapit; longo venit ille recessu,
qui stetit in speculis; hic se committere rixae
audet et in praedam venientem decipit hostem;
ancipites subit ille moras similisque ligato
obligat ipse duos; hic ad maiora movetur,
ut citus ecfracta prorumpat in agmina mandra
clausaque deiecto populetur moenia vallo.
interea sectis quamvis acerrima surgant
proelia militibus, plena tamen ipse phalange
aut etiam pauco spoliata milite vincis,
et tibi captiva resonat manus utraque turba.
(Laus Pisonis, 190–208)
Übersetzung:
Wenn es dich /3/, obschon von der Last deiner Beschäftigungen erschöpft, vielleicht erfreut, dennoch nicht träge zu sein und mit Kunstfertigkeit Spiele in Bewegung zu setzen,
wird auf recht schlaue Art auf dem freien Brett der Spielstein im Wechsel gesetzt,
und werden mit gläsernem Soldaten Kriege bis zum Ende geführt,
sodass der weiße die schwarzen, bald der schwarze die weißen festhält.
Doch wer floh nicht vor dir? Welcher Stein wich unter deiner Führung?
Oder wer, der schon drohte geschlagen zu werden, schlug nicht doch noch den Feind?
Auf tausend Arten kämpft deine Schlachtreihe; jener reißt, während er flieht,
selbst den Angreifer fort; aus langem Rückzug kommt jener,
der auf der Lauer lag; dieser wagt es, am Scharmützel teilzunehmen,
und täuscht den Feind, der schon zur Beute kommt;
jener nimmt Hindernisse von zwei Seiten auf sich und, gleich einem Gebundenen,
bindet zwei er selbst; dieser wird zu Größerem bewegt,
sodass er schnell die geschlossene Reihe /4/ durchbricht und in das Heer hineinstößt
und, nachdem der Wall niedergerissen, die eingeschlossene Stadt /5/ verwüstet.
Wenn auch die Soldaten unterdessen getrennt sind /6/ und äußerst erbitterte Kämpfe
beginnen, siegst du selbst dennoch mit vollständiger oder auch
nur weniger Soldaten beraubter Phalanx,
und beide Hände hallen dir wider von dem gefangenen Haufen. /7/
Anmerkungen:
/1/ Lat. laus, Gen. laudis, heißt "Lob, Lobpreis, Lobrede", bekannt u. a. aus der Dissertationsnote summa cum laude.
/2/ In Betracht gezogen wird auch Lucius Calpurnius Piso, der mit Nero im Jahre 57 Konsul war. Aus Vers 70 der Laus Pisonis lässt sich entnehmen, dass Piso das Amt des Konsuls bekleidet hat.
/3/ Gemeint ist Gaius Calpurnius Piso.
/4/ die geschlossene Reihe: Das lateinische Wort mandra bezeichnet eigentlich einen Zug von Packtieren, eine Saumtierkette; es ist ein Fremdwort aus dem Griechischen (μάνδρα, wahrscheinlich nicht griechischen Ursprungs), wo es "eingeschlossener Raum, Pferch, Hürde, Stall" bedeutet.
/5/ die eingeschlossene Stadt: Eine andere Übersetzungsmöglichkeit ist die geschlossene Mauer; lat. moenia bezeichnet die Stadtmauer, die Befestigung einer Stadt, und im übertragenen Sinne auch das hinter der Stadtmauer Befindliche, die Stadt; vielleicht ist dies auch eine Anspielung auf das griechische Brettspiel Poleis (πόλεις, "Städte").
/6/ Gemeint sind die gegnerischen Soldaten bzw. Spielsteine, deren Reihen zersprengt sind im Gegensatz zur geschlossenen Phalanx des Piso.
/7/ In seinen Händen klappern die vielen geschlagenen Spielsteine des Gegners.


Zu den Spielsteinen

Die Spielsteine (calculi, Sing. calculus) beim ludus latrunculorum (auch latrocinium genannt) hießen latro (Söldner; Straßenräuber), latrunculus (Verkleinerungsform von latro) oder miles (Soldat), bei Ovid (Ars amatoria III, 359) auch bellator (Krieger). Daneben gab es die in Vers 203 erwähnte mandra. Sie wird als "geschlossene Reihe der niederen Figuren, Bauernreihe" bzw. als "Bauer" interpretiert, wobei diese Deutung eine Vermutung und sicherlich von der Vorstellung des Schachspiels beeinflusst ist. Vielleicht handelte es sich bei der mandra um eine Art Kette oder Formation mehrerer calculi, die ihre Aufgabe in der Gruppe erfüllten. Dass latro und mandra unterschiedliche Typen von Spielsteinen bezeichnen, lässt jedenfalls eine Angabe bei Martial (VII, 72, 8) vermuten.
Möglicherweise hatte ein calculus auch eine Assistenzfigur, denn Ovid (Ars amatoria III, 359) nennt eine zum bellator gehörende compar (Gefährtin, Genossin, Kampfgenossin). So konnte man vielleicht zwei Steine vorrücken, um einen Stein des Gegners zu umstellen (Ars amatoria III, 358: unus cum gemino calculus hoste peritwenn ein einzelner Stein bei zwei Feinden verloren geht; ähnlich Ovid, Tristia, II, 478: cum medius gemino calculus hoste peritwenn ein Stein in der Mitte von zwei Feinden verloren geht; vgl. Laus Pisonis, Vers 201 f.).
Isidor von Sevilla (6./7. Jh.) unterscheidet nach der Art, wie Spielsteine bewegt werden können, zwischen calculi ordinarii, calculi vagi und calculi inciti (Etym. XVIII, 67). Die ordinarii wurden in gerader Reihe bewegt, die vagi beliebig, die inciti dürfen nicht bewegt werden. Es ist allerdings fraglich, ob diese Einteilung auch für den ludus latrunculorum galt, der von Isidor nirgends erwähnt wird, oder nur für die mit Würfeln gespielte alea.
Die Spielsteine beim ludus latrunculorum waren verschiedenfarbig und bestanden öfters aus Glas (Laus Pisonis, Vers 193; Ovid, Ars amatoria II, 208; Martial, VII, 72, 8), daneben gab es auch solche aus Edelstein (Martial, XIV, 20).
Das Spielbrett nennt Seneca (Ep. 117, 30) tabula latruncularia.
 
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