Wohl nach 1530 - Schach in Fürstenwalde

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Wohl nach 1530

Luther bekommt Besuch
Martin Luther im Jahr 1526 [47]
Katharina von Bora im Jahr 1526 [47]
Abb.: Martin Luther und Katharina von Bora im Jahr 1526 [47]
gemalt von Lucas Cranach d. Ä.
Johann Mathesius, der erste Lutherbiograf, berichtet in der siebzehnten Predigt seiner 1565 erschienenen Lebensbeschreibung von Doctor Luthers seligen Berghistorien und Sprüchen. Zur Fastnacht verkleiden sich Wittenberger Jungakademiker als Bergleute und suchen Luther heim, der kostümierte Studentenschaft zu diesem "heidnischen Fest" nicht annehmen will.
Diese Tag liefen junge Leut nach alter heidnischer und ärgerlicher Weise in der Mummerei. Denn böse Gewohnheit ist nicht leicht abzuwerfen. Der kommen etliche vor des Herrn Doctors Haus oder Kloster. Aber Ärgernis und böse Nachrede zu vermeiden, wird derer keiner eingelassen. Unter andern ist ein gelehrter junger Mann, der nachmals großen Churfürsten mit Ehren gedient; der thut sich hervor mit seiner Gesellschaft, die lassen sich Bergkleider anschneiden und rüsten sich wie Schieferhäuer mit ihren Scheidhämmern ohne Leichtfertigkeit zur höflichen Kurzweil.
Wo Tugend innen ist, als bei denen, die fein studirt haben, da kommt sie auch heraus. Ob nun wohl diese ehrliche Compagnie eine Mummerei anrichtet und läßt sich bei dem Doctor angeben, als der von einem Bergmann geboren und auf dem Bergwerk erzogen war, weisen sie sich doch selber wie Bergleut, und kommen nicht mit gemalten Königen, Päpsten, Karniffeln [Cardinäle (?)], Teufeln und Säuen, oder mit abgeeckten Schemelbeinen vor den großen Mann, sondern staffiren sich mit einem künstlichen Schachspiel, darin D. Luther, wie viel großer und theurer Leut, gern pflegte zu ziehen. Wie es D. Luther hört, daß eine Mummerei von ehrlichen Schieferhäuern vorhanden: "Die laßt mir herein," spricht er, "das sind meine Landsleut und meines lieben Vaters Schlegelgesellen; den Leuten, weil sie die ganze Woche unter der Erde stecken in bösem Wetter und Schwaden, muß man bisweilen ihre ehrliche Ergötzung und Erquickung gönnen und zulassen."
Darauf tritt die Gesellschaft vor des Herrn Doctors Tisch, setzt ihr Schachspiel auf; D. Luther, als ein geübter Schachzieher, nimmt es mit ihnen an. "Ihr Bergleut," sagt er, "wer in diesem und andern tiefen Schachten ziehen und nicht Schaden nehmen, oder das Seine mit Unrath verbauen will, der soll, wie’s Sprüchwort lautet, seine Augen nicht in die Tasche stecken, denn es gilt an beiden Orten Aufsehens."
Drauf mattet D. Luther seinen Schachgesellen; der läßt ihm das Schachspiel, und bleiben bei ihm und sind in Ehren und Züchten fröhlich, singen und springen. Wie denn unser Doctor von Natur gerne zur Gelegenheit fröhlich war und sah nicht ungern, daß junge Leut bei ihm in ziemlicher und mäßiger Leichtsinnigkeit fröhlich und lustig waren. Dieser Historien gedenke ich, dass ihr daraus spüret, wie sich die ehrliche Bergart in dieses Bergmanns Sohne auch regt, daß er gern Bergleut um sich gehabt, mit und bei ihnen kurzweilig gewesen ist.
(D. Martin Luthers Leben in siebzehn Predigten von M. Johann Mathesius, Leipzig 1887, S. 422 f.)
 
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